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Dienstag, 23. Juni 2020

Music for the Masses

Music for the Masses

Musik ist seit der verfügbaren Reproduktionstechnik für die Massenproduktion ideal. Die Massenproduktion vereinfacht die Distribution, Vermarktung und den Konsum. Der Konsum von Musik beschränkt sich heute verstärkt auf das Hören des digitalen Produktes, nicht mehr so sehr auf den direkten Erwerb eines Tonträgers. Digitale Produkte haben einen entscheidenden Vorteil gegenüber dem physischen Produkt - ein Musikstück verbraucht sich nicht, es nutzt sich nicht ab und es geht nicht kaputt.

Für alle Produkte gilt: Der Konsument bekommt den Hals nicht voll. Nie. Er will immer MEHR! IMMER!

Der Wunsch nach dem physischen Besitz eines Musikproduktes in Form einer Platte, CD oder sonstigem Träger ist aufgrund der dauerhaften, von Ort und Zeit ungebundenen Verfügbarkeit durch Internet und passende Endgeräte quasi vollständig verschwunden. Einige kaufen dennoch Platten, CDs oder digitale Files - aber wirklich notwendig für den Musikkonsum ist es nicht und den nachfolgenden Generationen wird unsere Platten-Sammlungswahn völlig abstrus vorkommen.

Musik als Kunstwerk?

Da gibt es seit Anfang des 19. Jahrhunderts eine klare Trennung: Es gibt E-Musik (ernste Musik) und U-Musik (Musik zur Unterhaltung). Während es sich bei E-Musik um "kulturell bedeutenden Werken und Leistungen" handelt, ist es heute vor allem die populäre U-Musik, die omnipräsent auf den meisten Medienkanälen vertrieben wird. Die Trennung ist dafür gedacht, um Musikwerke, die sich nicht auf kommerziellen Erfolg stützen können aber im Urteil vieler Hörer interessant und erhaltenswert sind, vor dem Vergessen zu schützen und die Komponisten bzw. (wenn der Komponist schon verstorben ist) die Inhaber der Rechte zu bezahlen.

Die aktuelle Musikwissenschaft spricht sich allerdings gegen eine Trennung aus, denn "die gedachte Zweiteilung musikalischer Kultur [sei] letztlich unwirklich". Und dem kann man nur zustimmen. Immerhin interpretieren klassische Orchester junge Musikwerke aus der Popmusik und DJs verarbeiten klassische Werke in ihren Remixen. Beide Bereiche beeinflussen sich somit gegenseitig und profitieren voneinander.

Musik wird eigentlich erst dann wirklich zu einem Kunstwerk, wenn sich Wissenschaft und Kritiker über die Qualität und die Leistung des Komponisten einig sind. Nur weil jemand ein Orchesterstück komponiert, ist es nicht sofort E-Musik.

Musik und Konsum

Früher waren die Komponisten der klassischen Musik sehr darauf bedacht, dass ihre Stücke kompositionsgetreu aufgeführt wurden. Dies war auch wichtig, da es keine Möglichkeit gab, die Original-Version in allen Facetten festzuhalten. Es gab nur den Notensatz, die Orchesterbesetzung und schriftliches Informationsmaterial für den Dirigenten.
Heute werden Musikstücke extra in sogenannte STEMS oder in Acapella-Versionen (nur die Vocals) aufbereitet, damit andere Künstler die Stücke per Remix in ihrem eigenen Stil interpretieren. Manchmal kann es passieren, dass nur der Remix kommerziell erfolgreich wird, die Originalversion aber nicht. In einigen Bereichen wird vom Interpret sogar gefordert, "sein eigenes Ding" einzubringen und somit das Musikstück durch seinen persönlichen Charakter zu interpretieren, aktuelle Beispiele finden sich in Casting-Formaten wie "DSDS" oder "Voice of Germany". Wir befinden uns somit im Zeitalter der "Postkompositionstreue", in dem stetige Remix-Zyklen weltweit zur Schaffung eines globalen Sounds beitragen.

Streaming-Dienste präsentieren die Musik in endlosen "Strömen" - Leitfaden für den Stream kann eine Band, ein Genre oder die Hörgewohnheiten anderer Service-Nutzer sein. Und in Zukunft können auch Wetter, Aufenthaltsort, Aktivität, Tageszeit, Fortbewegungsmittel und noch viele weitere Daten eine Rolle für die Musikauswahl des Streaming-Algorithmus spielen. Musik wurde mit den Streaming-Diensten zur absoluten Dauerbeschallung degradiert, der Rezipient wird zum Konsument. Musik wird als auditive Firewall gegen die Geräusche des Alltags und gegen das Gequatsche Dritter  genutzt. Die Aussage "Ich habe gerade nicht zugehört" bezieht sich inzwischen nicht nur auf die Reaktion eines vergeblichen Dialogstarts mit einem Kopfhörer-Träger - auch auf die Frage "Welchen Titel hast Du gerade als letztes gehört?" wird der Konsument in den meisten Fällen mit dem gleichen Satz beantworten. Nur ein prüfender Blick auf die Titelhistorie seines Streaming-Dienstes wird die Antwort liefern können. Das Musik-Streaming ist was es ist - eine von Algorithmen erstellte, endlose Kette von Musiktiteln. Ein durch die Streaming-Anbietern gern genannter Vorteil  - durch die Streaming-Dienste würde man neue Musik entdecken - muss korrigiert werden: Es können nur dem Hörer unbekannte Titel präsentiert werden - denn die wirkliche "Neue Musik" ist genau genommen bereits sehr alt (siehe Neue Musik) - wir befinden uns seit über 30 Jahren in der Postmoderne, und da hängen wir auch aktuell noch fest und warten auf den nächsten Meilenstein, der uns das Tor zu einer neue Musik-Epoche öffnen wird.

Freie Künstler und die Filterblase

Die Streaming-Dienste haben ein vorgegebenes Portfolio an Künstlern. Die Streaming-Portale fungieren als Filter. Eine Vorauswahl von Titeln wird über die Zusammenarbeit mit den Labels getroffen. Wer als Künstler nicht im Portfolio ist, wird auch nicht gespielt und somit nicht gehört. Somit entstehen aus der Freiheit des Internets als offene Künstlerplattform für jedermann ganz schnell ein Obrigkeitsdiktat, geschaffen durch Streaming-Dienst Anbietern mit dem Ziel nur Titel anzubieten, die den breiten Massenmarkt bedient - ich würde das als "Fastfood für die Ohren" betiteln.

Auch wenn die musikalische Aktivität in ihrer Gesamtheit - auch aufgrund der technischen Fortschritte und der omnipräsenten Verfügbarkeit der Produktionsmittel - immer mehr zunimmt, bewegt mich doch eine ganz wichtige Frage immer mehr:

Warum soll ich als kreativer Mensch meine wertvolle Zeit opfern um ein digitales Produkt zu schaffen, das weder zum Lebensunterhalt noch zur Begeisterung von Konsumenten dient? Nur für mich selbst? Soll ich mich wirklich mit all den Aspekten der Musikkreation beschäftigen, nur damit ich Musik für mich selbst mache? Wieso sollte ich wissen, wie ein Multikompressor funktioniert? Warum die Funktionen einer DAW erlernen. Wozu wissen, was ein DAC-Chip ist? Und wozu brauche ich noch Quintenzirkel, Harmonielehre und Noten? Reicht es nicht auch, lediglich eine Akustik-Gitarre am Lagerfeuer stümperhaft zu zupfen und von beliebten Songs nur den Refrain zu kennen um Mitmenschen zu beeindrucken? Wahrscheinlich wird auch dann jeder sein Smartphone vor der Nase haben und seine eigene Musik hören.

Quelle des schöpferischen Geistes


Inzwischen kann jeder Vollidiot ohne fundiertem Wissen auf sämtlichen Endgeräten seine eigenen Songs zusammenbasteln. Dazu braucht es nicht viel - ja eigentlich gar kein fachliches Wissen mehr über Komposition, Klang, Ton und Technik. Alles Wichtige hat schon heute die Technik übernommen: Sounddesign, Rhythmikpattern, Melodiegeneratoren, SingBots(Vocaloid), KI-Mastering, etc. Die musikalische Ästhetik ist geprägt durch die Hörgewohnheiten.
Wir müssen uns langsam vom regionalen oder nationalen Musikheldentum verabschieden. Musikalisch regionale oder nationale Eigenheiten und Klänge werden in dem schwarzen Loch des globalen Remix Contents aufgesaugt und zu einer homogenen Klang-Masse zerschreddert. Ein Hit - ein Star - auf allen Radiostationen weltweit läuft der gleiche Kram.

Globaler Remix Content

Er hat schon längst begonnen - der globale Remix-Content läuft auf Hochtouren. Auch wenn lokale Musiker versuchen sich gegen diesen Trend zu wehren - die Anpassung der Hörgewohnheiten durch den globalen Musik-Brei läuft schleichend und unmerklich. Wir haben uns schon an die TR-808, an die Stereobild sprengenden Sylenth Synthies und an zu Tode gerade gebügelte Vocals gewöhnt. Selbst hart verzerrte Klänge oder Reverb-Massaker machen uns nichts mehr aus.

Ich sage auf keinen Fall, das die global vereinigte Musikergemeinschaft etwas Schlechtes ist. Aber ich habe die Angst, das nach Darwin die Stärksten gewinnen werden, und viele kleine Musiker und Labels im Hintergrund-Rauschen untergehen.

Diese Entwicklung des Musikkonsums hat mir jedenfalls einen meiner Gründe genommen, warum ich anfing Musik zu machen - weil es zur Unterhaltung von Mitmenschen und Besucher meiner Live-Auftritte diente. Inzwischen liegt mein Motivationsindex für eine öffentliche Musikpräsentation bei Null. Auch über Musik generell unterhalte ich mich nicht mehr gerne - und übers Musik machen nur noch mit anderen betroffenen Leidensgenossen innerhalb von Selbsthilfegruppen.

Ein anderer Grund war auch mich im Tocotronic-Style über Misstände und Fehlverhalten anderer anzuprangern...ja ich war gekommen um mich zu beschweren! Doch nun bin ich an dem Punkt angelangt, an dem schon viele Künstler waren - durch Reduktion komplexer Zusammenhänge auf die wesentlichen Aspekte wird irgendwann etwas kompliziertes ganz einfach. Bei mir wurde meine Kritik auf ein einfaches "Fick Dich" und "Leck mich" reduziert. Mit diesen magischen Wörtern lässt sich so ziemlich jede Kritik auf den Punkt bringen, und lässt die Interaktion zwischen dem Ich und der Umwelt überflüssig erscheinen.

Die Zukunft

Da fallen mir so einige Dinge ein die noch kommen könnten:

Deep Fakes for Music - Tote Künstler musizieren wieder

Auf Basis bestehender Aufnahmen werde KI Algorithmen trainiert. Als Ergebnis wird Stimme / Klang sowie Songstrukturen und Aufnahmetechnik reproduziert. Und ein Video wird parallel dazu erstellt - Kinderspiel!

Remix yourself

Du willst einen alten Nirvana Song aber von Dua Lipa? Kein Problem - mit Remix yourself gibst Du einfach deine 2-3 Lieblingssongs an, und der KI Algorithmus erstellt Dir mehrere Varianten, in dem er Song-typische Elemente extrahiert und analysiert, dann auf eine Ebene bzgl. Tonart und Rythmus/Tempo bringt (Elastic Pitch / Quantizise) und zum Schluss die Texte sinnvoll miteinander kombiniert und entweder nur einen der beiden Künstler - oder beide im Duett singen lässt. Cooler Shit!

Musiklehrer streiken (und schlagen Alarm)

Die Jugend will keine Instrumente mehr lernen. Warum? Nun, weil es viel zu mühsam ist, zu anstrengend immer zu üben und den Eltern zu teuer. Wer Musik machen will der...naja der nutzt einfach die Remix yourself Software/App, oder den KI Algorithmus von "Google Music" oder "Amazon Sounds" - Musikgenerierung in Echtzeit und auf Knopfdruck. Wer will kann noch ein Genre, Tempo oder Band/Künstler angeben, wonach es klingen soll.

Internet Streaming Revolution

Wird noch etwas dauern, aber die Streaming Dienste übernehmen das Steuer. Nichts geht mehr ohne Sie - das klassische Radio hat ausgedient, nur ein paar Staaten leisten sich noch den Luxus eines allgemein bezahlten "Radiosenders". Musik kommt zu 99.99% direkt aus dem Internet - die Streaming-Dienste erzeugen auf Basis der gehörten Länge eines Stückes (also die Zeitdauer bis wann der Skip-Button gedrückt wird) eine interne Hitliste - die Basis für stetig neue Musik aus KI Algorithmen. Der Musikgeschmack wird global in Echtzeit gemessen und die Parameter der Musik-KI wird gleichzeitig angepasst damit der nächste Song noch weiter an dem Massengeschmack optimiert ist. Genres werden in der KI berücksichtigt und gerne miteinander gemischt. Eigentlich ist die KI wie dafür gemacht - erzeugen, prüfen, korrigieren, erzeugen...

Product Success Prediction

Wie erfolgreich wird ein Produkt auf dem Massenmarkt? Auf Basis von unzähligen Marktforschungs- und Meinungsforschungsdaten und den "Verkaufszahlen" der Konsumprodukte entsteht eine KI Software, die bereits im Entwicklungsstadium den kommerziellen Erfolg eines Produktes vorhersagen kann. Natürlich gibt es immer mal wieder Überraschungen, aber deutlich weniger als "früher" (also heute). Zu dem Begriff "Produkt" zähle ich natürlich auch die "Musiktitel" die in Zukunft durch den Algorithmus geprüft wird und bewertet wird. Das spart immense Kosten in der Produktforschung und Entwicklung und vermeidet kostenintensive Markt-Flops.

Fazit

Spätestens wenn die Menschheit durch die Remix-Algorithmen beim (weißen) Rauschen - oder dem "NoNoise" (aka. Stille)  angelangt ist, hoffe ich das irgend jemand wieder damit anfängt, mit Stöckern auf einem hohlen Baumstamm zu schlagen.

Freitag, 28. April 2017

Gain-Staging - Über die Standard-Volumenfader Einstellungen in DAWs

Ich möchte hier einen Punkt ansprechen, der bei meinen Tracks mir bisher Ärger bzw. Probleme bereitet hat:
die Lautstärke/Volume/Gain-Einstellungen in den DAW-Programmen.
Wenn ich ein neues Projekt anlege, dann sind im Mixer alle Fader auf "0" gestellt (z.B. in Cubase, wo die Maximal-Lautstärke des Faders bis +6 geht). Ohne jetzt auf die technischen Details herumzureiten kann man getrost sagen:
1) Die Standard-Einstellungen der Lautstärken/Fader im Mixer sind grundlegend zu laut, wenn im Projekt mehrere Spuren genutzt werden (was meistens der Fall ist).
Grund: Einfache Mathematik: habe ich zwei Spuren/Signale, dann summiert sich die Lautstärke. Bei 10 Spuren schlägt der Master-Fader eigentlich immer Alarm - nur den Master-Fader runterziehen ist da keine Lösung. Da die Programme intern die Summierung berechnen, müssen schon vor der Summierung die Lautstärken der einzelnen Signale verringert werden.
Lösung: Speichert euch Mixer-Scenes oder Dokument-/Projekt-Vorlagen (wenn möglich) in denen die Lautstärken aller Spuren/Fader mindestens auf -6 dB sind - je nach Anzahl der Spuren (>16) sind eher -9dB oder -12 dB besser.
2) In die Insert-Effekte gehen die Signale der Audio-Spur "volle Pulle" rein - und das ist nicht immer gut so.
Grund: Während einige Hersteller diese Aspekt in der Entwicklung berücksichtigen, die haben einen Input-Regler. Plugins ohne Input-Reglern klingen schnell dünn oder generell leblos.
Grund: Das liegt an der internen Verarbeitung der Signale. Wenn das Signal zu "heiß" ins Plugin geht, hat - einfach gesagt - der Effekt der noch "on top" drauf gerechnet wird - zu wenig Platz (einfach ausgedrückt - ist fachlich nicht ganz korrekt). Andere Plugins simulieren auch die Sättigung des Einganges echter Endgeräte - ein "heißes" Signal erzeugt dann leichte Verzerrungen schon direkt beim Eingang (es wird dann ein am Eingang liegender Audio-Übertrager (https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cbertrager) simuliert).
Lösung: Entweder man zieht die Lautstärke der eigentlichen Aufnahme direkt im aufgezeichneten Audiosignal herunter (geht nicht bei allen DAWs) oder man nutzt als aller ersten Insert-Effekt ein Gain-Plugin zur Reduzierung - wie z.B. das preFIX-Plugin von varietyofsounds (https://varietyofsound.wordpress.com/…/…/prefix-1-0-out-now/).
3) Summierung in Gruppen: Bevor die Einzelspuren an den Master-Fader / Main Stereo-Out gehen, sollten die Signale in einer Gruppe zusammengefasst werden. Ein Kompressor mit leichter Komprimierung auf der Gruppe erzeugt einen homogeneren Klang (Tipp: https://cytomic.com/glue ($99) oder https://varietyofsound.wordpress.com/vst-effects/ Density mkII (free)). Ein Limiter (http://loudmax.blogspot.de/) pro Gruppe fängt dann die stärksten Spitzen der Signale ab. Und bei konsequenter Nutzung von Gruppen reduziert man die Anzahl der Lautstärke-Regler, die man für den Endmix im Blick/Ohr haben muss.

Freitag, 12. August 2016

Jams, Jamtracks & Jamsessions Teil II

Vorwort: In diesem Blogpost möchte ich meine Theorie vorstellen, die ich aus 15 Jahren Erfahrung als aktiver Musiker mit dem Thema Jam, Jamtracks, Jamsessions und aus den Analysen der umfangreichen Jam-Aufnahmen der Bardenflether Muckerei erlangt habe. Diese Theorie stellt keinen universalen musiktheoretischen Ansatz dar - zudem bin ich kein Musiktheoretiker - sondern soll Musikern dabei helfen, die Struktur, Prozesse und Bestandteile eines Jams zu verstehen um so mit praktischen Hilfsmitteln die Gestaltung des Jams positiv zu beeinflussen. Gedanken, Kritiken aufgrund anderer Ansichten oder Meinungen sind als Kommentar willkommen.

Jamsessions interessanter gestalten

Jamsessions beginnen meist mit einer Vorgabe von einem Musiker - sei es ein Riff, ein Beat, ein Basslauf oder eine Melodie. Andere Musiker steigen mit ein. Spätestens an dieser Stelle gibt es oft ein Problem: Es wird nur ein Riff bespielt - es gibt keine Variationen. Es entwickeln sich keine additiven Parts, Sektionen oder Phasen. Irgendwann wird es langweilig und die Musiker hören enttäuscht auf. Dafür habe ich bereits einen Post geschrieben, der viele Tipps & Tricks zum Thema Jam enthält. In diesem Post möchte ich nun in die detailliertere Analyse einsteigen und etwas über meine Theorie erzählen.

Analyse eines durchschnittlichen Jamtracks

Bezogen auf ein Jamtrack ohne vorherige Abstimmung über Struktur oder Töne/Akkorde (im Gegensatz zur Jamsession im Jazz, die auf Standards oder Absprachen basieren) lässt sich ein Jamtrack in Phasen, Sektionen und Parts einteilen.



Phasen

Die Phasen sind für alle Jam Teilnehmer gleich Bild: Es gibt verschiedene Phasen, die charakteristisch für Jamtracks sind.

Findungsphase (discover phase)

Je nach Fertigkeit, Erfahrung und Können der Musiker kann die Findungsphase mehrere Minuten dauern. Im Durchschnitt beträgt die Findungsphase 30 Sekunden bis eine Minute bei erfahrenen Musikern. Die Findungsphase verkürzt sich, wenn die Komplexität des vorgegebenen Parts gering ist und verlängert sich mit steigender Komplexität. Daher ist es ratsam, mit einem sehr einfachen Part zu beginnen, um die Findungsphase zu verkürzen. Erfahrene Jam-Musiker starten gerne mit einer eigenen Section, die schon aus 2 oder 3 unterschiedlichen Parts besteht.

Einigungsphase (unification phase)

Die Einigungsphase ist wichtig für einen Jam und bildet die Basis für alle weiteren Phasen, Sections und Parts.
Direkt nach der Findungsphase schließt sich die Einigungsphase an, in der jeder Musiker seinen passenden Part gefunden hat. Im folgenden werde ich diesen Part als Basislinie bezeichnen. Variantionshäufigkeit und Komplexität sind in der Regel in dieser Phase noch relativ gering.

Variationsphase (variation phase)

Nach der Einigungsphase beginnen die Musiker unabhängig voneinander ihre Part zu variieren. Dies charakterisiert die Variationsphase. Der Übergang zwischen Einigungsphase und Variationsphase ist meist fließend. Die Variationsphase ist der größte und längste Teil des Jams. Auch Soli, Breaks und weitere strukturelle Änderungen sind eine Variation und gehören per Definition zur Variationsphase.

Endphase (ending phase)

Das Ende kann entweder klar und schnell passieren, oder der Jamtrack läuft aus. Dazu wird Komplexität, Lautstärke und Variation so lange reduziert, bis alle Musiker aufhören.

Zum Verständnis meine Definitionen:
  • Komplexität: Wie viele Töne werden pro Takt gespielt
  • Variation: Wie viele unterschiedliche Töne haben die aufeinander folgenden Takte
Die Dynamik (Wie laut werden die Töne oder das Instrument insgesamt gespielt) lasse ich außen vor, denn die Dynamikschwankungen liegen auf einer übergeordneten Ebene und erstrecken sich über den gesamten Jamtrack, und nicht nur auf Phasen oder Sections.

Wichtig ist an dieser Stelle zu erkennen, dass ein Jamtrack im Gegensatz zu einem Song eine ganz andere Struktur aufweist. Ein nicht abgesprochener Jamtrack hat selten eine Songstruktur, aber es gibt an manchen Stellen Parallelen. Ein starker Einfluss darauf hat die Teilnahme eines oder mehrerer Sänger an der Jam.



Sections

Durch Sections kreieren die Jam Teilnehmer den Jamtrack Bild: Ein Jamtrack besteht aus unterschiedlichen Sections.

Eine Phase kann aus mindestens einer oder mehreren Sections bestehen. Globale Sections befindet sich innerhalb des Jamtracks und der Phasen. Individuelle Sections erzeugt jeder Musiker durch seine Jamteilnahme.

Globale Sections bestehen aus der Summe der individuellen Sections.

Sections stellen ein Bindeglied dar und verbinden die Phasen des Jamtracks mit den Parts der einzelnen Musiker.

Die globalen Sections in einem Jamtrack unterscheiden sich in mindestens einem der folgenden Punkte:
  • Unterschiedlicher Sound (nicht Lautstärke!)
  • Unterschiedliche Instrumente
  • Unterschiedliche Backline (Aktive Musiker)
  • Unterschiedlicher Beat
Die globale Section Einteilung dient als Richtlinie für die Analyse eines Jamtracks.

Die individuellen Sections der einzelnen Musiker unterscheiden sich nur in der Kombination verschiedener Parts.


Parts

Parts sind für jeden Jam Teilnehmer unterschiedlich.

Innerhalb der individuellen Sections gibt es die Parts - diese können auch als Takt interpretiert werden. Parts unterscheiden sich untereinander anhand ihrer Komplexität (Anzahl der Töne), der Variation (unterschiedliche Töne) und Groove/Feeling (unterschiedliche Tonlängen). Um meine Theorie an dieser Stelle zu vereinfachen, lasse ich die Dimension "Variation" und "Groove" bei Seite und konzentriere mich alleine auf die Dimension "Komplexität", um das Thema zu vereinfachen.

Die Anzahl der Parts pro Section ist klar abhängig vom Jamtrack. Die genannten Beispiel haben 8 Parts pro Section, es können aber auch mehr (12, 16, etc.) oder weniger (4) sein.

Bild: Section A in 8 Parts mit verschiedenen Varianten unterteilt

Zur Vereinfachung: Die Nummer des Parts ist der Grad ihrer Komplexität.

So beinhaltet der Part 1 wenig Komplexität durch sehr wenige Töne, während Part 4 im Vergleich zu Part 1 mehr Komplexität durch viele Töne erhält. Der Part 1 in Section A muss nicht identisch sein zum Part 1 in der Section B. So kann ich die gleiche Melodie in Section A mit einem Klavier spielen, in Section B mit einer Orgel. Obwohl sich nur der Sound verändert, bewirkt der Soundwechsel eine Änderung in der subjektiven Wahrnehmung. Der Part 1 bleibt aber in seiner Komplexität identisch.

Part Variationen in Sections

Nun möchte ich mehr ins Detail einsteigen und auf die verschiedenen Part-Variationen eingehen. Je nach Anordnung der Parts bewirken die Sections entweder Spannung oder Langeweile bei Hörern. Wird ein Part wie im unteren Bild (Section A) mehrmals hintereinander gespielt, entwickelt der Zuhörer eine gewisse Erwartungshaltung, die dann immer wieder erfüllt wird.

Bild: Langeweile pur in dieser Section A mit 8 identischen Parts

Das Resultat der stetigen Erfüllung der Erwartungshaltung ist Langeweile.

Um dies zu vermeiden, werden verschiedene Parts genutzt. Es genügen schon kleine Änderungen der Komplexität, um einen Eindruck der Abwechslung zu erreichen.
Bild: Es wirkt spannender und rund, wenn die Section A mit einem Part 2 abgeschlossen wird

Part 2 hat einen höheren Grad der Komplexität als Part 1. Dadurch wird Spannung beim Hörer erzeugt, da die Erwartungshaltung nicht erfüllt wird. Und die Section wirkt in sich rund, da die Section durch einen alternativen Part "abgeschlossen" wird.

Wir gehen noch einen Schritt weiter, und führen Part 3 ein, der eine höhere Komplexität hat als Part 2. Der Ausdruck "höhere Komplexität" ist natürlich relativ - schon eine zusätzliche Note mehr als Part 2 genügt um den gewünschten Eindruck zu erreichen.

Bild: Der Part 3 bereichert die Section A am Ende, der Part 2 rutscht in die Mitte

So entsteht ein kleiner Spannungsbogen, wobei Part 2 die erste Abwechslung bietet und Part 3 den Abschluss der Section abrundet. Wird an den Positionen 4 und 8 der Part 2 verwendet, ist der Spannungsbogen nicht identisch zu der im Bild gezeigten Version.

Dieses Prinzip hat aber seine Grenzen. Bei Übertreibung landet man schnell im Chaos, irgendwo zwischen Karlheinz Stockhausen und wilder 12-Ton Musik.

Bild: Viel ist nicht immer besser - zu viele Parts bringen Chaos und Unruhe

Der Hörer kann keine Erwartunghaltung mehr aufbauen, und die verschiedenen Parts sind zu viele. Dagegen würden 4 verschiedene Parts nacheinander, die 2 Mal wiederholt werden sicherlich besser funktionieren als das Beispiel im oberen Bild .

Wichtig ist ein Gleichgewicht zwischen Wiederholung und Überraschung.

Diese zwei Sections funktionieren super und bestehen nur aus drei bzw. vier verschiedenen Parts.

Bild: Section B in 8 Parts mit drei verschiedenen Parts

Bild: Section C in 8 Parts mit vier verschiedenen Parts

Natürlich gibt es noch viele weitere Kombinationsmöglichkeiten - hier ist eure Kreativität gefragt. Wer das Prinzip der "Phasen > Sections >Parts" verstanden hat, der sollte eine ganz anderes Sicht auf eine Jam erhalten haben.

Die Theorie in der Praxis

Klarheit in den Phasen

Als erstes sollte jedem im Jam die Phasen bewußt sein. Haben schon alle Musiker ihre Linie gefunden, oder probiert noch jemand rum? Solange die Basis nicht klar ist, läuft die Findungsphase. Wenn jemand noch rumprobiert, kann er auch schon in der Variationsphase sein, und hat damit die Einigungsphase ignoriert. Um weiteren Ärger zu ersparen, sollte er darauf hingewiesen werden das es noch eine Einigungsphase gibt, in der er seine Basislinie finden soll um einen einheitlichen Ausgangspunkt für die Variationsphase zu haben. Die Einigungsphase dient zudem dazu, den anderen Musikern seine eigene Basislinie zu zeigen - das ist später für die Orientierung untereinander sehr wertvoll! Aus meinen langjährigen Erfahrung kann ich den Tipp geben, das die simpelste Linie die Basis darstellen sollte - zum einen kann man sich später einfacher daran erinnern und schnell zur Basis zurück zu finden, und zum anderen bleibt für die anderen Musiker genug Platz, um in der Variationsphase eigene Varianten zu entwickeln.

Fazit: Überspringt jemand die Einigungsphase und steigt zu früh in die Variantionsphase ein, kann es bei den anderen Jam Teilnehmern zu Verwirrung führen

Besonders in der Einigungsphase ist es extrem wichtig, das die Augen und Ohren nicht nur bei seinem Instrument sind, sondern auch bei den anderen Jam Teilnehmern. Nur so bekommt man mit, wie die anderen Musiker ihre Basislinien gestaltet haben. Folgende Zeichen helfen, um gemeinsam aus der Einigungsphase in die Variantionsphase zu gelangen:
  • Ein Victory-Zeichen für (V)ariation
  • drei Finger hoch - für die dritte Phase "Variation"
  • einfaches Kopfnicken mit Augenkontakt zu den anderen Jam Teilnehmern wenn die eigene Basislinie steht
Absprechen bzw. Vorstellen sollte man die Phasen zu Beginn des Jams, oder wenn es bei den ersten Versuchen ohne Absprachen nicht funktioniert.
Steigt jemand unerwartet aus, oder jemand gibt per Handzeichen ein "Stopp", kann durch die selbst entwickelte Basislinie schnell wieder gestartet werden. Wenn alle Jam Teilnehmer ihre Basislinie wissen, spart man sich beim Neustart die Findungsphase komplett. Auch während und nach den Solos kann die Basislinie als Orientierung dienen.

Entwicklung der Varianten
Ausgehend von der Basislinie und mit dem Hintergrundwissen der Part-Einteilung kann man nun beginnen, die Parts zu variieren und abwechselnd einfache und komplexere Parts zu kombinieren, um interessante Sections zu kreieren. Siehe auch obigen Abschnitt "Parts".

Spielen mit Varianten
Es gibt zwei Typen von Musikern - die einen halten ihre Basislinie fest und weichen nur ungerne (oder ungewollt) ab. Die anderen variieren so stark, das die Basislinie nicht mehr erinnert werden kann und sich kein abwechslungsreiches Muster aus einfachen und komplexen Parts ergibt - sie spielen eher durchgängig ein Solo. Beide Verhalten kann man umtrainieren, wenn man sich die Parts und deren Komplexitätsgrad bildlich vor Augen vorstellt. Der Part 1 ist oft die Basislinie - nach 3 mal Part 1 spielt man eine Note mehr oder anders - und schon ist ein zweiter Part erstellt. Mindestens die Section-Variante mit den Parts 1|1|1|2|1|1|1|2 sollte jeder im ersten Jam hinbekommen. Sinnvolle Verkettungen von unterschiedlich komplexen Parts sollte man im Kopf behalten - das ist allerdings einfacher gesagt als getan. Hier hilft nur Übung und stetiges Denken in Parts.

Transponieren von Parts
Andere Akkorde und Akkordfolgen können sehr einfach genutzt werden - es müssen lediglich die Parts bzw. die Basislinie entsprechend transponiert werden. Das Part-Schema sollte unabhängig vom aktuellen Grundakkord erfolgen können. Hier ändern sich dann nur die Töne, nicht aber die Anzahl der Töne, Tondauer oder Tonlautstärke.

Dynamik entwickeln
Die Nutzung der Dynamik als Ausdruck ist in Jams sehr stark von allen Musikern abhängig. Gibt einer der Musiker "Gas" und erhöht seine Lautstärke, ziehen die anderen Jam Teilnehmer meistens mit. Hier läuft die Tondynamik sehr parallel zu der Gruppendynamik der Jam Teilnehmer. Ist einem dieser Gruppendynamik-Effekt bekannt, kann man über sein Spiel die anderen Jam Teilnehmer beeinflussen und auch den Jamtrack. Die Dynamikänderungen sollten aber innerhalb der Sections kontinuierlich passieren, und nicht abrupt - das verwirrt die meisten Jam Teilnehmer eher und funktioniert nur gut, wenn dies abgesprochen ist. Ebenfalls kann ein absichtliches heraushalten aus dem Gruppendynamik-Effekt sehr interessante Ergebnisse erzielen.

Solos

Für Solos ist der Part-Gedanke nicht gemacht - hier kann man sich mit ruhigem Gewissen dem eigenen Spiel voll und ganz widmen. Man sollte sich nur am Ende des Solos an seine eigene Basislinie erinnern - dies ist auch ein Signal an die anderen Jam Teilnehmer, dass das Solo nun abgeschlossen ist. Augenkontakt kann dies zusätzlich unterstützen.

Warum eine eigene Theorie?

In der klassischen Musiktheorie spricht man von musikalischen Parametern wie Tonhöhe, Tondauer und Tonlautstärke. Meine Theorie dient zur Beschreibung von Unterschieden innerhalb verschiedener Abschnitte. Mit den musikalischen Parametern kann weder die Anzahl von Tönen innerhalb eines Taktes (Tondichte?) noch die Unterschiede zwischen zwei Takten (Taktdifferenzen?) beschrieben werden. Und Jams basieren nicht auf geschriebenen Noten. Ich habe mir lange Gedanken zur Strukturierung und Beschreibung von Jams gemacht. Die Berücksichtigung der Tonlautstärke verwende ich nicht als Unterscheidungskriterium der Parts, denn es erscheint mir dieser Parameter nicht als sinnvoll. Beispiel: Ein Takt mit identischen Noten wird 8 mal hintereinander gespielt - nur immer lauter. Berücksichtige ich die 3 musikalischen Parameter, hätte ich 8 verschiedene Parts. Meine Theorie sieht darin eine dynamische Steigerung innerhalb einer Sektion, die aus einem einzigen Part besteht.

Das musikalische Ergebnis eines Jams kann in Noten beschrieben werden - aber nicht der Prozess und die Struktur - da während der Jam keine Noten existieren.

Wie sind eure Erfahrungen?
Lasst bitte einen Kommentar da und erzählt mir aus euren Erfahrungen mit Jams.

Mehr zum Thema "Jams, Jamtracks & Jamsessions" gibt es hier im Teil I